Claudia Desgranges | „Zeit“ als bildbestimmender Faktor

Es ist so, als würde ich an einem Riesenbild malen, mich aber jeweils nur mit einem winzigen Ausschnitt beschäftigen...."

Claudia Desgranges thematisiert in ihrer Arbeit die primären und eigenwertigen Grundlagen jeder Malerei – eben wie Fläche, Struktur, Textur, Bildträger, Form des Farbauftrags und Farbe, aber relativ früh wird „Zeit“ als bildbestimmender Faktor in den Werken selbst zum Bildgegenstand, nicht nur im Machen des Bildes, sondern auch... im Prozess der Bildwahrnehmung.

Spätestens seit 2003 thematisiert die Künstlerin auch die eigene „Malgeschichte“ , … indem sie zeigt, dass eigenständig gemalte Farbplatten additiv miteinander verbunden werden können und trotz des additiven Verfahrens ein Bild entsteht, das „wie aus einem Guss“ erscheint. In ihrer jüngsten Werkreihe, den „composite paintings“, hingegen betont sie gerade das Nacheinander, das Gegensätzliche unabhängig voneinander entstandener Farbtafeln. Mit dieser Werkreihe hebt sie endgültig die „Raum-Zeit-Einheit“ des traditionellen Bildgefüges auf.

Roland Scotti, Farbe als Moment, in: update, Bonn / Appenzell 2014

 

Farben in der Zeit

„ Dem Thema der Bewegung in der Zeit begegnen wir in den Werken von Claudia Desgranges nachvollziehbar auch im strengen Pinselduktus des Farbauftrags. In kontrollierten, sorgsam gesetzten Farbaufträgen neben- und auch übereinander in mehreren farbvermischenden, lasierenden Schichten werden Bewegung und Zeit für den Betrachter erlebbar. Neben den Abbrüchen steht die neu ansetzende Bewegung, meist eine neue Farbe, jedoch nie in scharfer, abrupter, sondern stets fließender ineinander übergehender Konturierung. Dominant scheint die horizontale Bewegung, jedoch auch die vertikale gibt es, die Rhythmus und Akzent, auch Unterbrechung suggeriert oder gemeinsam mit der horizontalen eine Farbverdichtung ähnlich einer textilen Struktur von Kette und Schuß bildet. Farbverläufe und Farbkombinationen sind das vorherrschende Thema. Der Dialog der Farben, aufreizender Kolorismus und harmonisches Changieren sind von suggestiver Sinnlichkeit, bieten ästhetische Anreize des Sehens. Dabei kommt eine besondere Experimentierfreude der Künstlerin mit Farben, ihrer Gestimmtheit, ihrer Wechselwirkung, ihrem Temperament und ihrer Präsenz zum Ausdruck.

Die Werke entfachen geradezu eine eigene Aktivität und Intensität im Zusammenspiel mit dem Betrachter im gemeinsam umgebenden Raum. Sie sind allesamt mögliche Ausschnitte von Realität in ihrer zeitlichen und räumlichen Dimension. Die Erscheinung von Realität wie auch von Gegenständlichem wird in den Werken von Claudia Desgranges thematisiert zu einer Frage der Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter - die Aneignung von Wirklichkeit, als existenzielle Notwendigkeit bildet den Ausgangspunkt der künstlerischen Leistung.

Christiane Zangs,in: Katalog zeitstreifen, Neuss 2004